Unauffälliges Röntgenbild (Teil 2)

von Donald Becker

Letzte Woche fragte ich an dieser Stelle nach der Mutter aller ????

Wer, den Satz zu Ende führend, mit „die Mutter aller Perforationen“ geantwortet hat, der lag richtig.
Betrachtet man hierzu die nachfolgenden Videos, wird man allerdings zugeben müssen, daß das Ausmaß der Hartsubstanzdestruktion am Zahnfilm-Röntgenbild nicht einmal annähernd abgeschätzt werden kann.

Die 45 jährige Patientin stellte sich auf Überweisung des Hauszahnarztes am 28.01.2015 zur Weiterbehandlung des im Notdienst an Heiligabend 2014 alio loco initial wurzelkanalbehandelten Zahnes 16 vor.

gs_dr_16-1-von-1

Der Zahn 16 war vor der endodontischen Initialbehandlung stark symptomatisch (Schmerzskala 8), nach der Behandlung liessen die Schmerzen für mehrere Tage nach (Schmerzskala 3), um dann wieder zuzunehmen. Bei Vorstellung in unserer Praxis war der Zahn schmerzfrei, die Patientin vermied es allerdings, auf dem Zahn zu beissen. Die PA-Messung an 6 Messpunkten ergab Taschentiefen von 2mm, der Zahn 16 war klopfempfindlich.

Erst nach Entfernung des provisorischen Füllungsmaterials offenbarte sich das ganze Ausmaß der Zerstörung, wenngleich das prätherapeutisch angefertigte DVT schon die Aussage zuliess, das die Prognose des Zahnes eher pessimistisch eingeschätzt werden muss. Vor Einführung der Tri-Silicate in die Zahnmedizin wäre sogar von vornherein ein solcher Zahn als zweifelos nicht erhaltungsfähig eingestuft worden.

Heute besteht zwar grundsätzlich eine nicht vorhersagbare Chance der  Erhaltungsfähigkeit des Zahnes, dennoch ist angesichts der für die Wiederherstellung des Zahnes aufzuwendenden Kosten und des nicht vorhersagbaren Risikos des Zahnverlustes der Extraktion mit nachfolgender Implantation oder Brückenversorgung der Vorzug gegenüber heldenhaftem Bemühen zum Zahnerhalt zu geben.

Die Patientin fragte allerdings nach dieser Empfehlung zur Extraktion, ob es denn gar keine Möglichkeit des Zahnerhaltes gäbe. Sie wolle sich den Zahn nur ziehen lassen, wenn alle Möglichkeiten des Zahnerhaltes ausgeschöpft seien.

Ehrlicherweise muss man an dieser Stelle, angesichts der Möglichkeiten, die uns Materialien wie MTA und Biodentine an die Hand geben, die Frage in den Raum stellen, was man verlieren könne in einer solchen, scheinbar hoffnungslosen Situation, wenn man einen ultimativen Erhaltungsversuch unternähme, sofern wie in diesem Falle die Patientin dies unbedingt wünscht und bereit ist, das Risiko des Zahnverlustes  aller Rettungsbemühungen zum Trotz einzugehen.

Am 05. 02.2015 erfolgt die Versorgung des Zahnes 16 mit einer dentinadhäsiven Composite- Restauration. Am Tag darauf die Trepanation, die klinisch dann das ganze Ausmaß der Perforation offenbart.

Es erfolgt die Deckung des rund 22 Quadratmillimeter großen Perforationsdefektes mittels Biodentine. Die Möglichkeit, einzeitig nach Wartezeit von ca. 15 Minuten post Applikation mit der Behandlung weitermachen zu  können, ist insbesondere bei wie im vorliegenden Fall nicht ortsansässigen Patienten ein großer Vorteil. Die Perforation ragte in den Bereich des mesiobukkopalatinalen Kanals hinein. Die Notwendigkeit, den Defekt decken zu müssen, gleichzeitig jedoch die Penetration und Erweiterung des Kanals sicherzustellen, ohne die Perforationsdeckung wieder zu kompromittieren oder gar zunichte zu machen, stellte eine weitere große Herausforderung dar.

WF-Kontrolle 05.05.2015

WF-Kontrolle 05.05.2015

Letztendlich gelang die Wurzelkanalbehandlung in weiteren Sitzungen am 16.02.2015, 24.04.2015 und 05.05.32015 unter Berücksichtigung der vorliegenden extrem schwierigen Ausnahmesituation reibungslos. Die bis nach apikal getrennt voneinander verlaufenden sehr engen Wurzelkanäle in der mesiobukkalen Wurzel sowie der distobukkale Kanal werden bis zu 35.06 aufbereitet, der palatinale Kanal bis 60.04.

WF-Kontrolle 20.11.2015

WF-Kontrolle 20.11.2015

WF-Kontrolle 19.05.2016

WF-Kontrolle 19.05.2016

Es erfolgten Nachkontrollen am 20.11.2015 und 19. Mai 2016. Der Zahn 16 war in all der Zeit vollkommen unauffällig bei im Röntgenbild stabiler Knochensituation und Taschentiefen von circulär weniger als 3 mm, weshalb 12 Monate post WF eine Empfehlung zur Kronenversorgung des Zahnes durch den Hauszahnarzt gegeben und das Recallintervall auf 12 Monate hochgesetzt wird.

Am 20.10. 2016 sucht die Patientin wegen einer unklaren Schmerzproblematik im rechten Oberkiefer überraschend zur ausserplanmäßige Kontrolle unsere Praxis auf. Die vorhandene klinische Symptomatik (starke Heiß Kalt-Empfindlichkeit vor einigen Tagen, jetzt nachlassend) deutet eher nicht auf den Zahn 16 als Schmerzauslöser hin.

WF-Kontrolle 20.10..2016

WF-Kontrolle 20.10..2016

 

 

Klinische Kontrolle, Röntgenbefund und PA – Befund des Zahnes 16 sind weiterhin unauffällig.

 

 

7 Gedanken zu „Unauffälliges Röntgenbild (Teil 2)

  1. Hui, da hat der Kollege wohl gleich versucht eine Pilotbohrung für das Implantat zu machen. Sehr schön gelöst.

    Die „Schwiegermutter aller Perforationen“ hatte ich selbst vor 5-6 Jahren gesehen: Im Notdienst kam eine Patientin mit Schmerzen am Zahn 46. Ein großer kariöser MOD Defekt zeigte sich dort, und eine zentral die „Trepanationsöffnung“ komplett ausfüllende Struktur die mich trotz des Alters der Patientin an einen Pulpenpolypen erinnerte. Ein Handexkavator kam zum Einsatz, und es zeigte sich das die Furkation komplett perforiert und nach mesial/ distal bis in die Kanaleingänge großzügig aufgezogen worden war. Geradliniger Zugang durch und durch. Ich hatte dem Zahn keine Chance mehr gegeben (minimale Mundhygiene, Zeitmangel bei ihr und Kettenraucherin), und die Patientin deshalb weiter zu einem implantologisch tätigen Endospezialisten hier im Ort geschickt (aber auch nie wieder was von der Patientin gehört). Der Defekt war in Erinnerung so groß das selbst eine Biodentinekapsel wohl nicht gereicht hätte.

    Frage an alle Biodentine Anwender: ein Kollege meinte das er sehr häufig chronische Entzündungen bei Perforationsdeckungen mit Biodentine bemerkte, und die Patienten deshalb mehr „Empfindlichkeiten“ hätten als mit MTA. Kann das einer Bestätigen?

    Danke und Gruß,

    Gregor S.

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